Beckenboden: auch beim Mann wichtig

Beckenboden, das klingt nach Rückbildungskurs und Hebammenpraxis. Männer haben ihn trotzdem, und er hat dort dieselbe Aufgabe wie bei Frauen. Nur redet kaum jemand darüber, solange alles funktioniert. Meistens rückt der Muskel erst dann ins Bewusstsein, wenn nach dem Toilettengang noch etwas nachkommt oder wenn eine Prostataoperation ansteht. Das ist schade, denn es handelt sich um eine Muskelgruppe, die sich wie jede andere gezielt ansteuern lässt.

Wo der Beckenboden liegt und was er tut

Der Beckenboden besteht aus Muskeln und Bindegewebe und schließt den Bauchraum nach unten ab. Die Muskeln spannen sich vom Schambein bis nach hinten zum Kreuz- und Steißbein, seitlich setzen sie an den Sitzbeinhöckern an. Der Damm gehört dazu, bei Männern liegt er zwischen Hodensack und After.

Seine Aufgaben sind unspektakulär und gleichzeitig ziemlich zentral: Er gibt Blase und Darm Halt, er hält dem Druck stand, der beim Husten, Lachen, Pressen oder beim Heben schwerer Lasten entsteht, und er unterstützt die Schließmuskeln. Beim Wasserlassen und beim Stuhlgang muss sich der Beckenboden entspannen. Ein Beckenboden, der nur noch anspannt, ist kein guter Beckenboden. Training heißt deshalb immer beides: kräftigen und loslassen.

Woran Sie merken, dass es sich lohnt hinzuschauen

Das häufigste Signal ist ein Klassiker, über den Männer ungern sprechen: das Nachträufeln nach dem Wasserlassen, wenn man die Toilette eigentlich schon verlassen hat. Dazu kommen unfreiwilliger Urinverlust bei körperlicher Belastung und ein Gefühl, die Blase nicht mehr sauber zu Ende zu entleeren.

Gewiss: Nicht jedes dieser Zeichen kommt vom Beckenboden. Eine vergrößerte Prostata, die entzündet sein kann, eine überaktive Blase oder ein Harnwegsinfekt können sich sehr ähnlich anfühlen. Bevor Sie trainieren, sollte deshalb geklärt sein, woran es überhaupt liegt. Sonst üben Sie fleißig gegen ein Problem an, das ganz woanders sitzt.

Nach einer Prostataoperation ist das Training Standard

Der wichtigste Anwendungsfall bleibt die Zeit rund um eine Prostatakrebsoperation. Bei der radikalen Prostatektomie wird der Bereich entfernt, in dem der innere Schließmuskel sitzt. Danach muss der äußere Schließmuskel, der zum Beckenboden gehört, die Arbeit allein übernehmen. Entsprechend häufig ist eine Belastungsinkontinenz: Die meisten Männer haben kurz nach einer Operation oder einer Bestrahlung zumindest vorübergehend Urinverlust bei körperlicher Anstrengung, etwa beim Husten oder beim Heben.

Die S3-Leitlinie Prostatakarzinom stellt für die Rehabilitation ein multimodales Kontinenztraining in den Mittelpunkt, mit der Physiotherapie als Basis. Die urotherapeutische Leitlinie von 2024 wird konkreter: Der Fokus liegt beim Mann nach der Operation auf der quergestreiften Muskulatur des Schließmuskels und dem vorderen Beckenboden. Trainiert wird nicht mit maximaler Kraft, sondern mit langsam steigenden Haltezeiten auf mittlerem Niveau. Und der eigentliche Trick besteht darin, den Bereich schon vor einer Druckerhöhung anzuspannen, also bevor Sie husten oder aufstehen, nicht danach. Deshalb beginnt das Training idealerweise vor dem Eingriff. Wer den Muskel schon kennt, findet ihn danach deutlich leichter wieder.

Was das Training realistisch leisten kann

Hier lohnt ein ehrlicher Blick auf die Datenlage. Ein Cochrane-Review von 2023 hat 25 Studien mit 3.079 Männern zu nicht-operativen Maßnahmen nach Prostataoperationen ausgewertet. Das Ergebnis fiel zurückhaltend aus: Kombinationen aus konservativen Maßnahmen brachten nach sechs und zwölf Monaten möglicherweise nur einen geringen Unterschied bei Heilung und Lebensqualität. Für Beckenbodentraining in Kombination mit Biofeedback fand sich keine verlässliche Evidenz. Die Autoren führen das vor allem auf kleine Studien und methodische Schwächen zurück, nicht auf einen belegten Nicht-Nutzen.

Was folgt daraus für die Praxis? Beckenbodentraining ist risikoarm, kostet nichts außer Disziplin und ist in den Leitlinien fest verankert. Es ist nur kein Automatismus. Entscheidend ist die Qualität der Anleitung und die Kontrolle, ob Sie tatsächlich die richtige Muskulatur ansteuern. Ein Blatt Papier mit zehn Übungen ersetzt das nicht. Auf die Erektionsfähigkeit kann sich ein trainierter Beckenboden ebenfalls günstig auswirken, vermutlich über eine bessere Durchblutungsregulation. Die Betonung liegt auf „kann“. Als alleinige Behandlung von Erektionsstörungen taugt es nicht.

Wie finde ich meinen Beckenboden?

Der Beckenboden ist der einzige Muskel, den Sie im Spiegel nicht kontrollieren können. Zum Erspüren hilft die Vorstellung, den Urinstrahl willentlich anzuhalten. Dabei spannt sich der Beckenboden automatisch mit an. Diese Übung ist ausdrücklich nur zum Kennenlernen gedacht und sollte nicht regelmäßig beim Wasserlassen durchgeführt werden. Alternativ lässt sich die angespannte Muskulatur am Damm ertasten.

Beim Üben gilt: nur den Beckenboden anspannen, nicht Bauch und Gesäß. Und weiteratmen. Zwerchfell und Beckenboden arbeiten zusammen, beim Ausatmen zieht sich die Beckenbodenmuskulatur zusammen und hebt sich nach oben. Auch klassische Bauchmuskelübungen wie Sit-ups erzeugen hohen Druck im Bauchraum. Bei bestehender Blasenschwäche besprechen Sie besser mit uns, ob und in welcher Form sie gerade sinnvoll sind.

Sprechen Sie uns an

Wenn Sie Nachträufeln, Urinverlust bei Belastung oder Probleme beim Entleeren der Blase bemerken, warten Sie damit nicht ab. Wir klären zunächst die Ursache, unter anderem über Urinuntersuchung, Ultraschall von Blase und Prostata und die Messung des Restharns. Daraus ergibt sich, ob ein Training ausreicht oder ob eine andere Behandlung der Harninkontinenz sinnvoll ist. Krankengymnastik und Inkontinenz-Hilfsmittel können wir Ihnen verordnen.

Steht bei Ihnen eine Prostataoperation an? Dann ist der beste Zeitpunkt, mit dem Thema anzufangen, jetzt und nicht danach.

Weitere Informationen und Quellennachweis

Bild: nakaridore / Envato

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